Pilgern mit Hund auf dem Harzer Klosterwanderweg

Der Regen prasselt auf die olivgrüne Plane meines Zelts. Beinahe rhythmisch perlen die Tropfen ab, bis sie lautlos im Grasboden verschwinden. Ich liege auf dem Rücken eingekuschelt in meinem Schlafsack und gucke mir jede Faser meiner Zeltwand an. Neben mir liegt Barney, mein großer Weißer Schäferhund, mit nassen Pfoten und betrachtet mich aus den Augenwinkeln mit müdem Blick. Ich lächele und atme tief die kühle Luft dieses verregneten Juliabends ein. Aus der Ferne dröhnt laute Musik aus den Boxen. Weit weg unten am Teich findet das jährliche Forellenfest statt. Wenig später soll es zum Abschluss noch ein Feuerwerk geben. Barney wird sich fürchten. Ich schließe die Augen und strecke mich genüsslich aus. Das Innere meines Zelts ist klamm, schwer und stinkt. Doch glücklicher könnte ich im Moment nicht sein.

Wir haben unser Zelt mitten in einem Garten in einer Einfamilienhaus-Siedlung in Ilsenburg aufgeschlagen. Bis hier hin war es alles andere als leicht. Niederlagen gehören zum Reisen dazu. Wer nicht scheitert, kann kaum wissen, was Glück bedeutet.

Das Abenteuer beginnt…

Wir sind Pilger auf dem Harzer Klosterwanderweg. Diese Strecke beginnt für uns in Goslar und endet nach etwa 80 Kilometern im beschaulichen Kloster Wendhusen in Thale. 2019 wurde der Weg um die Strecke von Thale nach Quedlinburg noch erweitert und fasst insgesamt etwa 94 wanderbare Kilometer.

Es ist unnatürlich kalt und regnerisch an diesem Samstagmorgen Mitte Juli. Ich stehe vor dem geöffneten Kofferraum meines Autos und habe die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ein kühler Windhauch löst eine Haarsträhne aus meinem Zopf, die mir tropfnass im Gesicht klebt. Kein besonders guter Start für eine Dreitagestour mit Hund, Zelt und einem viel zu schweren Rucksack. Meine Pilgerfreundin Patricia und ich werfen uns einen vielsagenden Blick zu. Sie wird mich in den kommenden Tagen mit ihrem Weißen Schäferhund Dragon begleiten. Meistens müssen die Zwei meine verrückten Ideen immer mit ausbaden. Ich bin mir aktuell nicht sicher, wen von uns vieren ich gerade am meisten bedauere.

Der Zeiger der Uhr knapp unterhalb der Turmspitze der Marktkirche rückt auf die Acht vor. Für uns wird es Zeit aufzubrechen. Unsere Hunde springen aufgeregt aus den Autos. Wir legen unsere Bauchgurte um, über die wir mit einer Rückdämpfer-Leine mit unseren Hunden verbunden sind. Meinen Rucksack habe ich im Kofferraum bereits aufgerichtet. Beinahe hämisch grinst er mich an. Ich drehe mich mit dem Rücken zum schweren „Biest“, gehe leicht in die Knie und streife mir aus der Hocke die gepolsterten Schulterriemen über. Dann verschließe ich den Bauch – und Brustgurt und ziehe beherzt die Gurte fest. „Aufstehen! Einfach aufstehen…“, denke ich und richte mich langsam auf. Trotz der viel zu schweren 17 kg auf dem Rücken fühlt sich das Biest gut an. Komfortabel. Sogar ziemlich angenehm. Wir verabschieden uns von unseren Männern, die uns zum Ausgangspunkt gefahren haben, drehen uns ein letztes Mal um und verschwinden in Goslars verschlafener Altstadt.

Unsere Hunde können es kaum erwarten und stürmen los – vielleicht steuert Barney hier auch gerade einfach nur den ersten Laternenpfahl an…

Auf das entspannte Pilgern müssen wir zunächst verzichten, denn die fehlende Beschilderung gepaart mit dem feinen Nieselregen verlangt unsere gesamte Aufmerksamkeit. Dank einer Wander-App auf unseren Handys schaffen wir es, der Originalroute zu folgen und so schon bald die einzelnen Stadtteile hinter uns zu lassen. Wir ernten wahrlich verständnislose Blicke, als wir mit zwei mittlerweile nassen und ehemals weißen Hunden sowie den übergroßen Rucksäcken durch die Straßen gehen. Ein Obdachloser auf einer Bank hebt kurz den Kopf zum Gruß. Wer geht schon freiwillig raus bei diesem Wetter?

Wir erreichen das ehemalige Augustiner-Chorherrenstift Grauhof von 1701. Am Eingang der Stiftskirche entdecken wir den hellroten Stempelkasten. In einem Begleitheft der Harzer Wandernadel lassen sich diese Sonderstempel sammeln. Wenn alle Stempel vollständig sind, erhält man gegen Gebühr ein kleines rundes Abzeichen mit dem Symbol des Harzer Klosterwanderwegs. Wir nutzen die Pause, um unsere knallroten Regenponchos aus den Rucksäcken zu kramen. Eine schwüle Luft umgibt uns. Es liegen Regen und Gewitter in der Luft. Der dünne Plastikstoff meiner Kapuze hängt mir tief im Gesicht. Wir gehen weiter und finden trotz der Wärme unter dem Poncho finden wir recht schnell wieder in unser Tempo. Nach dem Gutshof müssen wir ein Stück an einer Landstraße entlanggehen. Die Autos rasen schnell an uns vorbei und wir bringen uns und die Hunde hinter der weißen Markierung in Sicherheit. Erleichtert seufzen wir, als wir wieder einen Wanderweg erreichen. Es geht hinein in den Wald. Die Hunde sind motiviert und zeigen uns deutlich, dass hier eine hundebeliebte Gassistrecke entlangführt. Ihre Nasen sind andauernd am Boden und erschnüffeln die ausgetretenen Pfade. Die Wege ziehen sich wie Kaugummi in die Länge. „Sieht aus wie zuhause“, stelle ich fest. Patricia stimmt mir zu. Ich wohne zwar immerhin 20 Kilometer nördlich von Goslar entfernt, aber Felder und Hügel haben auch wir zuhauf. Der Geruch des nassen Getreides mischt sich mit dem süßlichen Duft der Blühpflanzen am Feldrand. Ein paar Meter vor uns geht ein Mann mit mittelgroßem schwarzem Hund spazieren. Er guckt sich mehrmals um, als würden wir ihn verfolgen. Scheinbar geben wir ein merkwürdiges Bild ab mit unseren viel zu großen knallroten Überwürfen und den beiden zugstarken Hunden.

Ausblicke? Fehlanzeige! Für die Hunde aber bestes Wanderwetter.

Ganz in der Nähe von Immenrode wird im Wald scharf geschossen. Barney macht das ein wenig nervös und er beschleunigt seine Schritte. Wir lassen den beschaulichen Ort hinter uns und steuern Vienenburg an, wo sich beide Hunde ein ausgiebiges Bad in der Oker gönnen. Es ist nicht warm, aber die drückende Witterung macht auch ihnen etwas zu schaffen. Das ehemalige Benediktiner-Kloster von 1174 Wöltingerode liegt zu diesem Zeitpunkt schon hinter uns. Wir konnten der Versuchung widerstehen, uns durch die schmackhaften Liköre zu probieren. Auf dem Gelände des Klosterguts gibt es viel zu entdecken. Wir bedauern, dass wir direkt weitermüssen. Immerhin liegt noch eine beachtliche Wegstrecke vor uns.

Wir laufen auf breiten Feldwegen. Die Hunde finden genügend Wasser in den Pfützen vom Regen der letzten Tage. Schweigend gehen wir nebeneinander her. Meine Füße machen mir etwas Sorgen. Trotz eingelaufener Schuhe und passender Socken macht sich eine dicke Blase unter dem linken Fuß bemerkbar. Bei jedem Schritt reibt die Stelle gegen die Schuhsohle. Die Beschilderung des Klosterwanderwegs stellt mich vor eine ungewohnt mentale Herausforderung, da sich die Kilometerangaben fast von Schild zu Schild widersprechen und wir somit die verbleibende Strecke lediglich abschätzen können.

Kloster Grauhof – unsere erste Stempelstelle.
Graue Feldwegidylle, auch irgendwie schön.

Im Ort Abbenrode bin ich den Tränen nah. Ich habe seit mehr als sechs Stunden nichts gegessen, ständigen Durst, meine Füße schmerzen und ich bin müde. Patricia ordnet eine sofortige Pause an. Wir lassen uns vor einer Pferdekoppel nieder. Sie schiebt mir direkt eine Tüte mit Süßigkeiten rüber, die ich dankend annehme. Viel Hunger habe ich nicht, aber mein erschöpfter Körper braucht Energie. Mit einem Seufzen streife ich die Schuhe ab und strecke meine Beine lang aus. Ich lehne mich an meinen Rucksack, das viel zu schwere Biest. Barney lässt sich entspannt neben mir ins Gras plumpsen. Auch er bekommt eine ordentliche Portion seines Trockenbarfs. „Nächstes Mal darf er sein Futter selber tragen“, sage ich zu Patricia, die mir lachend zustimmt. Nach einer großen Portion Magnesium, Brot, Schokolade und Koffein kehren die Lebensgeister in mir zurück. Überflüssigerweise setzt der Regen nun wieder ein und frischer Wind kommt auf. Ich streife mir alle Jacken über, die ich dabeihabe, um nicht auszukühlen. Wenn ich alleine unterwegs wäre, hätte ich an dieser Stelle sicher abgebrochen.

Während der Pause – ich versuche den Tiefpunkt tapfer wegzulächeln.

Patricia motiviert mich zum Durchhalten. Wir packen unsere Rucksäcke, ziehen den Regenschutz drüber, stehen auf und gehen einfach weiter. Nach dem Ortsausgangsschild wandelt sich die Landschaft und hebt meine Laune. Schon bald münden die gradlinigen Feldwege in kleine Wurzelpfade und abwechslungsreiche Singletrails. Die Ecker begleitet uns ein Stück. Ich atme die kräftig-würzige Waldluft ein und habe meinen Blick auf den Boden gesenkt. Die Konzentration auf den unebenen Boden tut gut und lenkt von den Schmerzen ab. Inzwischen fliegen die Kilometer nur so vorbei. Über den Wienberg erreichen wir Ilsenburg, unser Tagesziel. Kurz durchdringt helles Sonnenlicht die dichte Wolkendecke. Schritt für Schritt nehmen Bebauung und städtischer Trubel zu. Es ist Ferienzeit, Samstagnachmittag und in Ilsenburg findet das jährliche Forellenfest statt. Wir müssen mitten durch die Festivitäten. Wieder mal fallen wir allen auf. Andauernd wechseln wir die Straßenseiten, um den Menschentrauben auszuweichen. Hinter den bunt geschmückten und hell leuchtenden Buden bahnen wir uns den Weg in Richtung Ilsetal, wo wir auf dem hiesigen Wohnmobilstellplatz anheuern wollen. Erneut setzt kräftiger Regen ein. Die großen Laubbäume im Ilsetal bieten uns etwas Schutz.

Im Eckertal werden die Trails wieder aufregender.

Erleichtert erreichen wir die Anmeldung des Campingplatzes. Patricia wartet draußen mit beiden Hunden. Im warmen Laden werde ich unfreundlich begrüßt. Auf meine Anmeldung wird erwidert, dass Camper mit Zelt nicht erwünscht sind. Auf meine Erwähnung hin, dass ich vorab per Email nach einem Zeltplatz angefragt hatte, wird zähneknirschend der Meldeschein ausgefüllt. Die Duschen dürften wir ebenfalls nicht benutzten. Bei der Toilette macht die Dame immerhin ein Zugeständnis. Zerknirscht gehe ich zurück zu den drei Wartenden. Wir beschließen uns den Platz anzusehen und stellen fest, dass nicht viele Wohnmobile auf dem Platz stehen. Daran kann die halbe Abfuhr also schon mal nicht liegen.

Patricia beschließt, ihren Onkel anzurufen, der mit seiner Familie in Ilsenburg lebt. Er sagte schon vor der Pilgertour zu ihr, dass sie sich melden soll, wenn wir in Ilsenburg angekommen sind. Die Entscheidung erweist sich als goldrichtig. Unvermittelt bietet er uns an, im familieneigenen Garten zu zelten. Ich bin so erleichtert, dass mir fast die Tränen in die Augen schießen. Es kommt mir vor, als würde eine schwere Last von mir abfallen. Dem Gefühl der Erleichterung kann auch die Tatsache nichts anhaben, dass wir den gesamten Weg durch das Ilsetal wieder zurück zur Stadtmitte und dann sogar noch ein Stück den Berg hinauf in Richtung des Schlosses müssen. Am Ziel angekommen werden wir sehr freundlich von unserer Gastfamilie empfangen. Wir bekommen sogar Pizza, ein kaltes Bier und dürfen solange duschen, wie wir wollen.

Die beiden Weißen sind noch immer topmotiviert.

Irgendwie ist das dieser „Trail Magic“, von dem alle Weitwanderer sprechen, eine glückliche Fügung nach den anstrengenden 40 Kilometern in den Beinen. Die Regenfront hat sich verzogen und wir können unsere Zelte auf fast trockenem Grund aufbauen. Müde, satt und glücklich krieche ich hinein und krabbele über Barney hinweg auf meine Liegematte und bahne mir strampelnd meinen Weg in den Schlafsack. Kurz denke ich darüber nach, ob ein Zwei-Personen-Zelt nicht etwas komfortabler wäre, da Barney nicht – wie geplant – am Fußende, sondern direkt neben mir liegt. Den Gedanken verwerfe ich schnell wieder, denn wir Beide scheinen die Nähe zum anderen in diesem Moment sehr zu genießen. Die Musik des Forellenfestes dringt zu unserer Schlafstätte hinauf. Dumpf hören wir das ausgelassene Lachen der Feierwütigen, bis ein lauter Knall, der durch Mark und Bein geht, die Geräusche durchdringt. Barney zuckt zusammen, richtet sich auf und fängt unwillkürlich an zu zittern. Dann geht das Feuerwerk los. Beruhigend rede ich auf ihn ein, streichele über sein weiches Fell und versuche, den Körperkontakt bestmöglich beizubehalten. Mit einem weiteren Kanonenknall wird das Spektakel schließlich beendet und die Musik auch leiser gestellt. Es dauert, bis ich wieder in dieses angenehme Gefühl der Müdigkeit eintauchen kann.

Barney hat unser Nachtquartier schon bezogen.

Am nächsten Morgen bekommen wir von unseren großzügigen Gastgebern ein opulentes Frühstück. Dagegen können meine Cornflakes mit Milchpulver wahrlich einpacken. Zum Abschied umarmen wir uns wie alte Freunde. Ich schultere das Biest und versuche den Hüftgurt so eng wie möglich zu ziehen, um mir viel Entlastung an den Schultern zu verschaffen.  Schließlich brechen wir auf. Es geht weiter hinauf zum Kloster Ilsenburg. Den dortigen Stempel finden wir auf Anhieb und nehmen einen der vielen Lustwandel-Wege durch den Schlossgarten in Richtung des Klosters Drübeck. Die ersten Kilometer fliegen dahin. Vom Drübecker Kloster sind wir auf Anhieb begeistert. „Oh, ist das toll hier“ und „schau mal, wie niedlich da!“ sind nur wenige unserer Kommentare. Wir laufen über den Klosterhof, an den Restaurants vorbei, durch den Klostergarten und suchen vergeblich den Stempelkasten. Auch die Hinweistafel mit großflächigem Lageplan hilft uns nicht weiter. Patricia fragt eine Mitarbeiterin des Klosterhotels. Auch sie muss zunächst im Haus nachfragen, fasst sich dann aber ein Herz und begleitet uns bis zur Stempelstelle. Die hätten wir von alleine nicht gefunden.

Das Kloster Drübeck verzaubert uns.

Die Suche kostet Zeit und obwohl wir mittlerweile entspannt in unserem Wandertrott angekommen sind, brechen wir direkt wieder auf. Bei Darlingerode legen wir eine kurze Rast und Erfrischungspause am Rohrteich ein. Die Hunde bekommen einen Energie-Keks und ich ziehe meine Jacke aus. Der Regenschutz am Rucksack bleibt sicherheitshalber erstmal drauf. Verlockend und einladend sieht der wolkenverhangene Himmel nicht gerade aus.

Der Weg führt uns am Spitzenberg und Kapitelsberg entlang wieder durch den Wald. Ich atme tief die würzig-frische Waldluft ein und lausche dem Zwitschern der gefiederten Waldbewohner. Meine Füße schmerzen und die Riemen meines Rucksacks reiben bei jeder Bewegung gegen den Stoff meiner dunkelblauen Softshelljacke. Auch Patricia macht das Rucksackgewicht etwas zu schaffen. „Vor dem nächsten Mal müssen wir unbedingt mehrere Male mit vollem Gewicht trainieren“, stimmen wir uns zu. Auf dem Weg in Richtung Wernigerode, kommen wir am Kloster Himmelpforte vorbei. Beinahe wären wir vorbeigelaufen, hätte uns nicht eine weitere der insgesamt 15 Engelsbänke am Wegesrand zu einer Rast eingeladen. Von dem 1253 gestifteten Kloster sind nämlich lediglich einige wenige Überreste des Mauerwerks vorhanden. Eine Infotafel weist darauf hin. Ich zwinge mich dazu ein Stück Schokolade zu essen, obwohl ich noch immer keinen Hunger habe. Auch am Vorabend habe ich nur die Hälfte meiner Pizza geschafft. Scheinbar hat sich der berühmte Hiker’s Hunger bei mir noch nicht breit gemacht.

Pause auf einer der handgefertigten Engelsbänke.

Nach der kurzen Verschnaufpause gehen wir weiter. Je näher wir Wernigerode kommen, desto mehr Menschen begegnen wir. Die Hunde müssen fast die ganze Zeit bei Fuß laufen. Wanderer, Radfahrer und Sonntagsspaziergänger begegnen uns und gucken uns neugierig an. Fast alle erwidern unseren Gruß.

Der Klosterwanderweg führt uns mitten durch Wernigerode, die bunte Stadt am Harz. Wenn du mal in der Gegend sein solltest, nimm‘ dir auf jeden Fall die Zeit für einen kleinen Stadtbummel. Du wirst von den bunten Fachwerkhäusern, den schmalen und teils kopfsteingepflasterten Gassen und dem imposanten Schloß begeistert sein. Für unsere Hunde ist das geschäftige Treiben in der Stadt inklusive Stadtführer-Gruppen und neugierigen Touristen eher stressig. Sie meistern aber auch das Passieren des trubeligen Marktplatzes mit Bravour. Die Gäste der Stadtführung lassen sich durch unser Gespann kurz ablenken, lauschen dann aber bald wieder den Worten ihres Guides. Aus dem Eingang eines Hauses tritt ein Mann heraus, der uns fragt, wo denn unsere Männer wären. Verwundert gucken wir uns an, geben ihm aber dann als Antwort, dass die Zwei doch hier sind. Dabei deuten wir auf die Hunde. Die „richtigen“ Männer würden uns nach der Wanderung wieder abholen. „Oh, das ist aber schön. Dann werden diesen hübschen Hunden Ihre ganze Aufmerksamkeit zuteil“, sagt er begeistert mit säuselnder Stimme. Ein wenig esoterisch, aber freundlich.

„Brauchen die nicht eigentlich ganz anderes Klima?“. „Nein, das sind keine Huskies“. „Aber die sehen doch so aus…“. „Nein, eigentlich überhaupt nicht…“. „Hmm… Weiße Schäferhunde. Nie gehört…“. „Macht ja nix…“. „Sind die mit Huskies verwandt?“. „Nein, auch nicht…“. Du glaubst nicht, wie viele Gespräche dieser Art wir bereits geführt haben und wahrscheinlich auch noch führen werden.

Wernigerode.

Schritt für Schritt wird es wieder ländlicher. Nach der Stadt halten wir uns auf dem Maerkerstieg in Richtung Benzingerode. Wir gehen auf breiten Forstwegen und lassen auch die Hunde mal von der Leine, damit sie sich etwas austoben und richtig strecken können. Munter laufen sie ein Stück vor, um gleich darauf wieder schwanzwedelnd und freudestrahlend zurückzukommen. Plötzlich spüre ich einen stechenden Schmerz am Vorderballen meines linken Fußes. Ich befürchte, dass die Blase geplatzt ist und reiße jammernd den Fuß hoch. Vielleicht kennst du dieses Schmerzgefühl ja auch…

Ich versuche ganz vorsichtig mit dem Fuß wieder den Boden zu berühren und zucke erneut zusammen. Da das Pausenziel auf einem Wanderparkplatz bei Benzingerode nicht mehr weit entfernt ist, zwinge ich mich zum Durchhalten. Mit zusammengebissenen Zähnen setze ich vorsichtig einen Schritt vor den anderen. Da ich sofort wieder den Fuß entlaste, versuche ich es mit kleinen Trippelschritten und fange leicht an zu joggen. Das klappt erstaunlich gut und so legen wir den letzten Kilometer zum Parkplatz in lockerem Lauftempo zurück. Durch das lichte Blätterwerk sehe ich schon von weitem unseren Van. Dahinter das Auto von Patricias Mann. Überglücklich legen wir einen kurzen Sprint ein. Als Barney und Dragon ihre Hundepapas sehen, gibt es sowieso kein Halten mehr. Erschöpft lasse ich mir vom Hundepapa den Rucksack abnehmen und steige aus dem Bauchgurt. Ich sinke tief in den Campingstuhl und mag weder reden noch mich um etwas kümmern. Die Hundepapas, die an diesem Wochenende die beste Supportcrew der Welt abgeben, haben schon alle Vorkehrungen zum Grillen getroffen und heizen die Kohlen direkt an.

Wenn Aufgeben keine Option ist

Mit dem Essen kehren auch an diesem Tag meine Lebensgeister wieder zu mir zurück. Ich bin während der gesamten Zeit unserer Pause von zwei Stunden der Überzeugung, später am Abend wieder in unserem „Waldemar“ mit zurück nach Hause zu fahren und den Abend ausgestreckt auf dem Sofa zu verbringen. Der Gedanke gefällt mir, doch mein Herz sträubt sich dagegen. Ich will es wenigstens versuchen. Aufgeben könnte ich dann immer noch. Patricia hilft mir beim Pflegen und Tapen meiner alten und neuen Blasen. Zum Glück sieht es mit der linksseitigen Blase doch noch nicht ganz so schlimm aus und die Haut ist auch immer noch überall da, wo sie sein soll. Gutes Tape ist für solche Touren unabdingbar. Ich ziehe Socken und Schuhe wieder an und drücke mich aus dem Campingstuhl hoch, bis ich wieder festen Boden unter beiden Füßen habe. Gelenke und Muskeln schmerzen und mein Körper muss gegen den Muskelkater regelrecht ankämpfen. Vorsichtig gehe ich ein paar Schritte und laufe mich damit etwas ein.

„Es klappt! Die restlichen 8 Kilometer werde ich schaffen“, verkünde ich. Die Hundepapas gucken mich zweifelnd an, Patricia grinst über beide Ohren. Bevor einer von den Dreien etwas sagen kann, schnappe ich mir den Bauchgurt und steige wieder in die Beinschlaufen. Nach der üppigen Grillsause setzt das beste Support-Team der Welt noch einen drauf und bietet uns an, unsere Rucksäcke zum Endpunkt der Tagesetappe nach Blankenburg zu fahren. Wir müssen wirklich nicht lange überlegen und nehmen das Angebot freudestrahlend an. Die Hunde sind deutlich verwirrt, als wir anfangen, unsere Canicross-Gürtel erneut anzulegen. Wir ziehen eine Jacke über, stecken eine kleine Wasserflasche für den Notfall in die Tasche, leinen die Hunde wieder an und verabschieden uns glücklich. Das Gehen fällt mir deutlich leichter ohne die Massen an Gewicht auf dem Rücken.

Nachdem wir Benzingerode verlassen habe, folgen wir einem Feldweg am Rande des Naturschutzgebiets Ziegenberg. Links von uns erstreckt sich ein Höhenzug mit sanft begrünten Hügeln. Auf der rechten Seite wird unser Blick auf ein flach abfallendes Tal gelenkt. Es duftet nach Sommerblühern und Wildkräutern. Für einen Augenblick lässt sich sogar die Sonne blicken. Für mich fühlt sich plötzlich alles ganz leicht an. „Es scheint so, als wären wir bei einer ganz normalen Abend-Gassirunde“, sage ich zu Patricia, die mir nickend zustimmt. Mittlerweile sind auch die Hunde von der Schnüffelphase in die Arbeitsphase gelangt und laufen in konstantem Zug nebeneinander vor uns her. Wir kommen am Teufelsbach vorbei und passieren den Horstberg und den Nackenberg.

Am Kloster Michaelstein kurz vor Blankenburg erwartet uns ein weiterer Stempel. Du darfst raten, wer sein Stempelheft im Rucksack gelassen hat… Das Klostergelände macht meine Schusseligkeit zwar nicht wett, ist aber wunderschön anzusehen. Der ehemalige Sitz der Zisterzienser aus dem Jahr 1139 ist sehr gut erhalten. Heute wird auf dem Gelände eine Forellenzucht betrieben und es finden viele Musikveranstaltungen hinter den eindrucksvollen Klostermauern statt. Trotz Übersichtsplan finden wir den Stempelkasten nicht. Zufällig stehen wir gerade am Hauptgebäude, dem Eingang zum Museum, als ein Mitarbeiter die Tür abschließt. Er grüßt uns und Patricia erkundigt sich direkt nach dem Ort des Stempelkastens. „Na, da haben Sie aber sehr viel Glück. Der ist nämlich hier innen“, sagt er grinsend. „Ich schließe aber gerne nochmal auf. Das ist gar kein Problem.“ Wieder einmal erfahren wir diese Magie auf dem Trail. Und immerhin kann eine von uns einen frischen Stempel ins Heft drücken. Wir wünschen dem freundlichen Herrn einen schönen Feierabend und machen uns wieder auf den Weg zu unserem zweiten Etappenziel. Das Gelände ums Kloster begeistert uns.

Wir gehen durch sanfte Wälder mit parkähnlichen Wegen, an kleinen Bächen und idyllischen Teichen entlang. Schließlich erreichen wir Blankenburg. Selbst an der Hauptstraße ist an diesem Sonntagnachmittag kaum was los. Unser Ziel ist die ruhig gelegene Pension Elisabeth am Stadtrand von Blankenburg. Eine sehr steile Straße führt zum Haus hinauf. Wir kämpfen uns mühsam hoch – so stecken uns immerhin schon 35 Kilometer in den Beinen. Die Hundepapas warten vorbildlich vor der Gartenpforte auf uns. Mit zwei kalten Flaschen Bier und einer Tüte Gummibärchen. Und das, obwohl die Kilometerangaben mal wieder nicht stimmten. Statt der angepeilten 8 Kilometer, sind es letztendlich fast 12 geworden. Und wieder ist da diese Magie, von der alle sprechen…

Das prasselnde warme Wasser auf der Haut unter der Dusche tut so gut. Ich taste vorsichtig nach den geschundenen Stellen an Schultern, in den Achselhöhlen und am Becken. Meine Muskeln an den Oberschenkeln sind bretthart. Nach dem Duschen lasse ich mich erschöpft auf das große Boxspringbett fallen. Patricia hat es sich auf der anderen Betthälfte gemütlich gemacht und prostet mir zu. „Nur noch morgen“, versuche ich sämtliche schmerzende Körperteile wie mit einem Mantra zu beschwichtigen. Ich habe kürzlich irgendwo gelesen, dass die Schmerzen ab Tag 4 abnehmen würden und man sich nach einer Woche täglichen Wanderns daran gewöhnt haben soll. Mich macht es trotz der Schmerzen etwas traurig, dass unsere Tour morgen schon vorbei sein soll. Zu gerne würde ich den Schmerzpunkt einfach mal „überwandern“.

Die Nacht verläuft ruhig und ist sehr erholsam für uns vier. Scheinbar regenerieren die Hunde schneller als wir, denn schon um 6 Uhr haben wir die feuchten Nasen im Gesicht. Jegliche Versuche etwas länger als 7 Uhr zu schlafen, scheitern und so streifen wir unsere nicht mehr ganz so gut riechende Wanderkluft über. Zuerst gehen wir mit Barney und Dragon raus. Vor lauter Muskelkater schaffe ich es kaum, die knarrende Treppe hinunterzugehen. Die Pensionswirtin begrüßt uns freudestrahlend und ist hellauf begeistert von dem weißen Duo. Auf der Straße mühen Barney und ich uns mit den ersten Schritten ab. Uns beiden steckt der Muskelkater viel zu tief in den Muskeln. Humpelnd gehen wir ein Stück. Patricia kommt aus dem Lachen (und gleichzeitigem Bedauern) nicht mehr raus. Wir beschließen, nach dem Frühstück einen Gehversuch zu starten und falls es schmerzfrei klappen sollte, auf jeden Fall nur bis nach Thale zum Kloster Wendhusen zu gehen und den Erweiterungsteil der Strecke bis Quedlinburg auszulassen. Dann kämen nochmal etwa 15-20 km obendrauf, was einfach viel zu lang ist.

Meine Füße sind recht geschunden…

Nach dem leckeren Frühstück wagen wir uns an den letzten Teil der Strecke. Die ersten Schritte tun weh, sehr weh. Barney macht einen munteren Eindruck, obwohl auch er noch schwerfällig läuft. Nach dem ersten Häufchen wird sein Gang weicher und federnder und auch ich nehme wieder Fahrt auf. Wir passieren die Bergkirche St. Bartholomäus und die angrenzende parkähnliche Anlage. Ein weiterer Stempel landet in unseren Heften. Nach Überquerung der Hauptstraße in Richtung Hasselfelde führt uns der Teufelsstieg in Serpentinen hinauf zu den Ausläufern der Teufelsmauer. Der sandige Boden ist eine Wohltat für unsere Füße. Wurzeln und Steine helfen uns merklich dabei, die Konzentration auf den Weg vor uns zu richten, was unweigerlich von den schmerzen Gliedern ablenkt. Schon bald wird uns warm, sodass wir unsere Jacken ausziehen und die Regencover unserer Rucksäcke im Staufach lassen.

Wir folgen dem roten Kreuz auf weißem Grund.

Nach einem kurzen Stück am Feldrand mit bestem Blick auf Wienrode, kommen wir am Hamburger Wappen an, einer markanten Sandsteinformation, die dem Wappen der Hansestadt Hamburg ähnelt. Wir legen dort eine kurze Rast ein. Ich beschließe, Barney vorne Booties anzuziehen, weil ich zwei kleine Wundstellen an seinen Vorderballen entdeckt habe. Das Hamburger Wappen ist touristisch sehr beliebt und leider liegen dort sehr viele Glasscherben auf dem Boden. Wir ziehen also weiter und können über diese Sauerei nur den Kopf schütteln. Den Ort Timmenrode durchqueren wir danach schnell auf der kürzesten Strecke. Hier ist der Weg erstaunlich gut ausgeschildert, was uns den Blick in unsere Handy-Navigation erspart.

Das Hamburger Wappen
Barney und Dragon

Auf der Rosstrappenstraße geht es wieder bergauf. Der Weg ist breit, aber mit großem Schotter besetzt. Mit jedem Schritt wirbeln wir etwas Staub auf, der sich mit dem diffusen Licht dieses Montagvormittags vermischt. Auf einmal fängt mein linkes Auge stark an zu tränen. Ich versuche vorsichtig zur Lidinnenseite zu reiben. Als ich durch den Tränenschleier wieder ansatzweise etwas erkennen kann, fällt mir auf, dass meine Kontaktlinse verrutscht sein muss. In mir breitet sich leichte Panik aus. Ich bin zwar mit meinen -3,25 Dioptrien nicht blind, aber der Unterschied zum anderen Auge mit intakter Kontaktlinse ist schon extrem. Ich beschließe trotzdem weiterzugehen. Vielleicht würde sie dann wieder an die richtige Stelle rutschen. In Eggerode überqueren wir den Silberbach, aus dem die Hunde genüsslich trinken. Wir genießen den letzten Waldabschnitt unserer Tour, bevor wir die Ausläufer von Thale erreichen. Auf einem asphaltierten Weg zwischen einer Häuserreihe und der Dorfstraße muss ich plötzlich stark blinzeln und spüre auf einmal meine Kontaktlinse auf dem Nasenrücken. Die Freude darüber ist groß, auch wenn ich das trockene Stück Silikon natürlich nicht mehr einsetzen kann. Beherzt setze ich „das Biest“ ab und krame meinen Beutel mit den wenigen Kosmetika heraus, die ich auf der Tour dabeihabe. Ich desinfiziere meine Hände und setze kurzerhand eine neue Linse ein. „Viel besser!“, seufze ich und schultere meinen Rucksack erneut.

Endspurt mit dem Ziel vor Augen

Mitten im Industriegebiet entdecken wir das Ortseingangsschild von Thale. Wir folgen weiter der Rosstrappenstraße, die scheinbar nicht enden will. Ein paar wenige neugierige Anwohner starren uns an, verlieren aber weder Wort noch Gruß an uns. Einige Straßenzüge sind ziemlich heruntergekommen und viel Müll liegt herum. Wir beeilen uns, die lange Straße hinter uns zu lassen. Nachdem wir die Hauptstraße in Richtung Blankenburg überquert haben, wandelt sich das Ortsbild. Die Wendhusenstraße führt uns auf den letzten Meter direkt zum Kloster, dem Ziel des Harzer Klosterwanderwegs. Überglücklich und erschöpft lassen wir uns nach den heutigen vergleichsweise kurzen 14 km auf einer Bank nieder und versorgen erst einmal die Hunde. Ich bin stolz, dass wir vier durchgehalten haben. Regen, Kälte, Müdigkeit, Hunger und die langen Etappen haben uns auf der Strecke ziemlich zugesetzt. In mir macht sich neben dem Gefühl der Erleichterung auch eine gewisse Leere breit. Trotz der Strapazen war ich unterwegs so glücklich und habe die Mehrtageswanderung mit allen Sinnen genossen. Würde ich es wieder mit „dem Biest“ aufnehmen? Ja, jederzeit! Ich werde allerdings meine Ausrüstung nach und nach optimieren und verstärkt in den Bereich Ultraleicht investieren. Auch Barney wird einen Rucksack oder Packtaschen bekommen, um seine tägliche Futterration selber zu tragen.

Wir haben es geschafft!
Barney hat sich sofort in unseren Van gekuschelt.

Wenn auch du den Einstieg ins Wandern über mehrere Tage suchst, kann ich dir den Harzer Klosterwanderweg auf jeden Fall empfehlen. Das Höhenprofil ist recht flach und richtig steile Anstiege wirst du vergeblich suchen. Nimm‘ dir am besten noch zwei Tage länger Zeit oder wandere in einer Woche den gesamten Weg bis Quedlinburg. Die verschiedenen Klöster und Kirchen sind viel zu schön, als nur schnell vor Ort einen Stempel ins Begleitheft zu drücken. Apropos Stempel: Nach dem „Zieleinlauf“ am Kloster Wendhusen sind wir mit den Hundepapas nochmal zurück zum Kloster Michaelstein gefahren, wo auch ich meinen fehlenden Stempel ins Heft drücken konnte. Den Nachmittag ließen wir bei Kaffee und Eis gemütlich ausklingen…

Der Harzer Klosterwanderweg im Überblick:

Länge: 95 km vom Marienkloster in Quedlinburg zum Kloster Grauhof in Goslar

(Wir sind vom Kloster Grauhof in Goslar bis zum Kloster Wendhusen in Thale auf etwa 90 km gewandert. Nach Quedlinburg wären es dann noch etwa 15-20 km. Die Kilometerangaben solltest du eher als grobe Richtwerte betrachten)

Höhenmeter: ca. 1400 insgesamt

Schwierigkeit: leicht-mittel

Die Klöster inklusive Stempel im Überblick:

Neuwerkkirche Goslar

Kloster Grauhof

Kloster Wöltingerode

Kloster Ilsenburg

Kloster Drübeck

Kloster Himmelpforte

Kloster Michaelstein

Bergkirche St. Bartholomäus

Kloster Wendhusen zu Thale

Kloster St. Marien in Quedlinburg

Stiftskirche Sankt Cyriakus Gernrode

Zusätzlich: 15 Engelsbänke auf dem Weg, die im Rahmen einer Projektgruppe initiiert und von der Jugendgruppe der Goslarschen Höfe in Handarbeit produziert wurden. Mit Sprüchen und Weisheiten versehen sollen sie inspirieren und zum Ausruhen einladen.

Unsere gemachte Tour im Überblick – Quelle: komoot

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