Abenteuer Salzburger Land – Nass bis auf die Haut beim 1. Untersberger Dogtrekkingtreffen

Wenn Hundewanderer Christian ruft, verhält es sich ähnlich, als wenn der Berg ruft: Diesem Ruf muss man einfach folgen. Und während ich hier bei herbstlich-kaltem Regenwetter auf dem Sofa sitze, lasse ich gerne das letzte September-Wochenende Revue passieren und wandere noch einmal mit dir mit. Temperatur und Feuchtigkeitsgehalt der Luft sind vor zwei Monaten schließlich identisch gewesen. Warum es für mich allerdings nur ein halbes Dogtrekking war, liest du in meinem Erlebnisbericht.

Die Premiere des Dogtrekkingtreffens fand im Salzburger Land zu Füßen des sagenumwobenen Untersbergmassivs statt. Christian wollte die inzwischen recht große Dogtrekkingfamilie, vorrangig aus der DACH-Region zu sich einladen und seine Heimat präsentieren. Der Termin für das Treffen stand fast ein Jahr vorher statt und so konnten der Hundepapa und ich unseren Jahresurlaub geschickt drumherum basteln, um das Treffen als krönenden Mittelpunkt eines Österreich-Roadtrips zu nehmen. Leider stand schon Tage im Voraus fest, dass mich Barney dieses Mal nicht begleiten konnte. Zwei Wochen zuvor hatte er sich eine Kralle der Vorderpfote abgerissen und die Wunde heilte leider trotz diverser Mittelchen und Salben nur sehr langsam. Die Vorfreude war trotz allem keinesfalls getrübt, als wir am Freitagnachmittag das Basecamp in Sankt Leonhard bezogen. Der große kostenfreie Parkplatz unterhalb des Simmerlwirts, der übrigens ausgezeichnete regionale Gerichte anbietet, schien der ideale Ausgangspunkt für ein Treffen unter Freunden zu sein.

Aller Anfang ist schwer – Start ins Dogtrekking

Ein wenig später kamen auch meine liebste Wanderfreundin Patricia und ihr Mann Matthias an und zusammen lauschten wir gespannt dem schon von anderen Dogtrekking-Veranstaltungen bekanntem Kartenseminar, welches Christian und Holger sehr anschaulich vermittelten. Für mich war es das erste Mal, dass ich ein wenig Kartenkunde erfahren durfte und führte im Verlauf zu vielen „Ach-so-ist-das-also“-Erlebnissen. Bei der anschließenden Streckenbesprechung konnte ich das neu erlernte Wissen direkt umsetzen, als ich die insgesamt vier Kartenblätter auf meinem Schoß ordnete. Uns stand einiges bevor, auch wenn wir „nur“ die nicht-alpine Strecke einmal rund um den Untersberg gehen würden.

Der Abend bescherte uns einen rosig-goldenen Himmel, der Hoffnung auf einen grandiosen Folgetag machte. Wir sollten bitter enttäuscht werden.

Wie schon so oft in diesem Jahr riss mich der Wecker viel zu früh aus dem Tiefschlaf. Verschlafen suchte ich um 3.30 Uhr meine Kontaktlinsen, während der Hundepapa Kaffee kochte und mir weitere wichtige Vorbereitungsdinge abnahm. In der Nacht hatte es ziemlich stark geregnet, was nicht unbedingt zu einem guten Schlaf und einer erholsamen Nachtruhe sorgte. Schnell frühstückte ich was Kalorienhaltiges, kippte den Kaffee hinterher und begrüßte draußen Patricia. „Was haben wir uns da wieder eingebrockt?“, sagte ich lachend angesichts der dunklen Wolken am Himmel.  Vom Jammern wird die anstehenden 45 Hike-Kilometer aber auch nicht weniger und so starteten wir um exakt 4.32 Uhr auf die Strecke. Du glaubst nicht, wie ungewohnt das Laufen ist ohne Hund. Patricias Weißer Schäferhund Dragon legte sich direkt zu Beginn ordentlich ins Zeug und war topmotiviert. Ich ordnete mein Kartenblatt, rückte die Stirnlampe zurecht und zog mir noch schnell meine zusätzliche Jacke aus. Es war sehr drückend. Im Schein meiner Stirnlampe kräuselte sich ein Gemisch aus Nebel und Feuchtigkeit. Mir fiel das tiefe Atmen schwer.  Die Luft schien zum Schneiden dick zu sein. Leichte Startschwierigkeiten sorgten dafür, dass wir zunächst herumirrten. Durch eine App kann der Hundepapa mich jederzeit orten und so kam es, dass ich direkt drei lachende Smileys aufs Handy bekam mit der Nachricht: „Ist das euer Ernst, dass ihr euch in den ersten fünf Minuten verlauft?“. Es war unser Ernst… Nachdem wir nochmal fast komplett zurück zum Ausgangspunkt gelaufen sind, haben wir die Kurve im wahrsten Sinne des Wortes doch noch gekriegt. Es ging zunächst auf einem schmalen Pfad immer geradeaus an der Königssseeache vorbei. Die Strecke war ideal für den Einstieg in einen langen Wandertag, denn wir mussten uns keinerlei Steigung stellen. Von der Ache hörten wir nur das laute Rauschen. Es war noch stockdunkel und aus dem tanzenden Nebel im Schein unserer Stirnlampen wurde feiner Nieselregen. Links vom Pfad stand wohl etwas Kunst herum. Wir sahen ja nur den Bereich innerhalb des Lichtkegels und das sah verdächtig aus wie eine Skulptur.

Regen, Nässe, Kälte und wenig Aussicht

Nach einiger Zeit halbblinden Herumirrens, querten wir eine Straße in Marktschellenberg, dem ersten Dorf, das wir auf der Tour passierten. Unbemerkt hatten wir irgendwo im Wald, irgendwo an der Königssseeache die Grenze zu Deutschland überschritten. Total unspektakulär, aber auch schön, dass so eine Ländergrenze eigentlich gar keine Rolle mehr spielt. Das Kartenlesen fiel mir mittlerweile leicht. Christians beschriebene Anleitung der Strecke half uns sehr, den richtigen Weg zu finden. Du glaubst gar nicht, wie aufregend es ist, sich nur anhand einer Karte in einer völlig wildfremden Wandergegend zurechtzufinden. Nach Marktschellenberg wechselte die flache Wegführung in den ersten knackigen Anstieg. Oben angekommen machte ich ein Bild in die rabenschwarze Nacht. Als ich es am Tag darauf bei Facebook postete, schrieb ich dazu: „Hier seht ihr den Panoramablick auf Marktschellenberg“. Kurz darauf folgte der nächste Anstieg. Der hatte es so in sich, dass ich mich auch heute, genau zwei Monate später, noch daran erinnern kann. Ohne Barneys Zug war ich zudem extrem langsam, sodass ich jeden Schmerz im Oberschenkel so richtig auskosten durfte. Ich stützte beim Gehen die Hände auf die Oberschenkel, während ich laut prustete. Schrecklich wie untrainiert ich ohne Hund bin… Inzwischen war ich nass. Mein Shirt klebte am Körper und der Rest war durch den Regen auch von außen nass. Innen Schweiß, außen Regen. Wen kümmerts?

Auf einer Anhöhe entschieden wir uns aber doch für Regenschutz. Patricia hatte ihren Regenponcho vergessen, doch zum Glück konnte ich ihr mit einer Regenhose weiterhelfen. Da ihre Regenjacke die deutlich bessere Qualität aufwies und ich von meiner neu erworbenen Jacke maßlos enttäuscht war, wählte ich den Regenponcho. Wir waren zwar zu diesem Zeitpunkt schon nass bis auf die Haut, aber so konnte immerhin ein wenig der einsetzende Wind abgehalten werden. Das einzig Positive: Es dämmerte ein wenig und wir konnten die Stirnlampe im Rucksack verstauen. Wir lagen gut in der Zeit. Christian sagte voraus, dass wir zum Sonnenaufgang die Almbachklamm erreichen würden. Das taten wir auch, aber von der Sonne fehlte jegliche Spur. Dafür verwandelte der Regen die ohnehin schon engen, steinigen und bewurzelten Pfade in eine abenteuerliche Rutschbahn. Patricia filmte die teils seilversicherten Pfade, während ich Dragon ganz kurz am Halsband führte und insgeheim etwas erleichtert war, den teils doch etwas tollpatschigen Barney nicht dabei zu haben. An der Theresienklause stellten wir uns unter und erleichterten im Gebüsch unsere Blasen. Ein kleiner Schokoriegel sorgte danach für die nötige Motivation zum Weitergehen. Zum längeren Pausieren war es viel zu kalt und zu nass. Auskühlen wäre in unserer Situation ziemlich gefährlich. Die Almbachklamm war beeindruckend, auch wenn wir laut Karte nur einen kleinen Teil gesehen haben.

Eine luftige Brücke oberhalb der Almbachklamm.
Rutschige Bohlen und ein Seil zum Festhalten, da es links richtig steil runter geht.

Wir ließen sie begeistert hinter uns und machten uns wieder an den Aufstieg. Allmählich wurden die Wege wieder breiter und Patricia übernahm ihren Dragon. Wir liefen auf Waldwegen und erreichten schließlich den aus gefühlt nur drei Häusern bestehenden Ort Dürrlehen. Hinter den Fenstern eines Gasthofes standen drei junge Leute, die uns mit einer Mischung aus halb-grinsend und mitleidig anstarrten. Natürlich regnete es unermüdlich weiter und auf diesem Wegstück bot auch der Wald keinen Schutz mehr. Immerhin sorgten die breiten asphaltierten Wege für Entspannung bei unseren Füßen und es war eine angenehme Sicherheit immer mal wieder die Zivilisation zu queren. Ich beobachtete einen Mann beim Packen seines Autos. Samstagvormittag ist wohl auch hier ein typischer Abreisezeitpunkt. Bei dem Wetter fällt die Heimfahrt vielleicht nicht ganz so schwer. Wir wanderten entlang von Almwiesen, hin und wieder mal ein Stück durch den Wald und hatten dank des guten Kartenmaterials und Christians Beschreibungen keinerlei Probleme den richtigen Weg zu finden. Mich überkam Stolz, dass das Kartenlesen so gut klappte. Mein Handy konnte somit fast die ganze Zeit in der regendichten Tasche bleiben. Wir kamen an Bischofswiesen vorbei. Mit dem Passieren des Ortes hörte der Regen langsam auf. Wir hatten bald die Hälfte geschafft und machten an einer Bank mit Blick auf einen Sportplatz eine kleine Pause. Wie auf Wanderungen üblich, verspürte ich keinen Hunger, doch ich zwang mich trotzdem dazu etwas zu essen. Wir waren mutig und verstauten unseren Regenschutz im Rucksack. Die nur 14 Grad Außentemperatur ließen uns aber doch nicht allzu lange auf der Bank sitzen und so machten wir uns startklar zum Aufbruch. Der Jausenort war geschickt gewählt, denn auf den nächsten zwei Kilometern sollte uns keine Steigung mehr erwarten. Wir kamen an einer Sportveranstaltung vorbei. Auf einem matschigen Hang wurde ein Downhill-Rennen ausgetragen. Durch den aufgeweichten Boden kam es zu mehreren Stürzen, aber die jungen Fahrer standen sofort wieder auf und setzen die rasante Abfahrt auf ihren Mountainbikes fort.

Die weiteren Anstiege waren allesamt moderat und so konnten wir im Verlauf schnelle Kilometer abreißen. Hin und wieder nieselte es noch ein bisschen, aber es war kein Vergleich zum nassen Start unserer Tour. Inzwischen war es einfach nur noch kalt. Zu Dragons Glück hatte sich die Schwüle in kalte Luft umgewandelt. Auch uns fiel das Atmen wieder leichter. Der Wald lichtete sich und gab einen fantastischen Ausblick auf Großgmain und das dahinterliegende Bad Reichenhall preis. Wir befanden uns oberhalb der tiefhängenden Wolken, die allmählich dünner wurden und um die Berghänge zogen. Rechts von uns erstreckte sich das gewaltige Untersbergmassiv. Immer wieder zweigten Wege ins Hochalpine ab. Wir blieben aber auf den blauen (=einfachen) und roten (=mittelschweren) Pfaden. Gesunder Menschenverstand ist in den Bergen überlebenswichtig. Auch wenn wir sicherlich auch den alpinen Trek geschafft hätten und beide Mitglieder im Deutschen Alpenverein sind, muss man das Schicksal nicht herausfordern – insbesondere, wenn man die Gegend nicht kennt und als Flachländer, wie wir, über keine alpinen Erfahrungen verfügt.

Patricia und Dragon haben die Aussicht schon genossen. Dragon möchte weitergehen.

Entspannt wanderten wir auf den Pfaden. Wurzelige Singletrails und breite Forststraßen wechselten sich ab und sorgten für genügend Abwechslung. Mein Herz ging auf, als wir einen Streifen blauen Himmel sahen. Wenig später kam sogar die Sonne raus. Patricia wanderte im T-Shirt weiter, aber ich beließ es beim Öffnen der Jacke und Hochkrempeln der Ärmel. Ich setzte beinahe automatisch einen Fuß vor den anderen und war im Walker’s High, wenn es sowas gibt. Es lief einfach.

Mit mentaler Stärke zum Abschluss

Dies sollte allerdings nicht lange bleiben, denn je näher wir ans Basecamp kamen, desto mehr mentale Stärke musste ich für den restlichen Weg aufbringen. Der Gedanke im Kopf, dass es nicht mehr weit ist, motiviert mich fast nie auf Wanderungen. Ich kann im Vorfeld eine beliebig lange Strecke vor mir haben, aber die letzten zwei bis drei Kilometer sind die schlimmsten. Ab Schloß Glanegg hatte ich zu kämpfen. Wir gingen zunächst nur stumpf geradeaus auf einem Fußweg an der Hauptstraße in Richtung Grödig. Mehr als einen Fuß vor den anderen setzen konnten wir nicht. Ich sah bei jedem Schritt, wieviel Strecke noch vor uns lag und das demotivierte unheimlich. Irgendwann bogen wir dann zwischen zwei Häusern nach rechts ab. Knapp 200 Höhenmeter mussten da von uns bewältigt werden. Mit jeder Kurve schraubte sich der Weg steil bergauf in den Wald. Ich ließ mir von Patricia meine Wanderstöcke geben, die ich außen am Rucksack befestigt hatte und machte nach jeder Biegung eine kurze Verschnaufpause. Meine beiden Mitwanderer waren gefühlt schon längst oben. Irgendwann schaffte auch ich es hinauf ohne Hundeantrieb und wir wanderten wieder entspannt auf breiten Waldwegen entlang.

Am Schloß Glanegg

Hin und wieder kamen uns Menschen entgegen, die teilweise fragten, was wir denn hier machen und guckten ungläubig, nachdem wir die Kilometerzahl sagten, die auf unseren Uhren zu sehen war. Und plötzlich war es geschafft. Im Laufschritt erreichten wir das Basecamp und stürmten auf Christian und unsere Männer zu, die uns allesamt mit einer dicken Umarmung begrüßten. Es war exakt 16:05 Uhr. Für die 46-Kilometer-lange Rundtour brauchten wir mit Pausen insgesamt 11 Stunden und 33 Minuten. Bei besserem Wetter wären es bestimmt deutlich über 13 Stunden geworden. Jacke, Hose und Shirt konnte ich danach übrigens auswringen.

Trotz des regnerischen Wetters und ohne Barneys Begleitung habe ich den Tag sehr genossen, auch wenn ich nach dem Zieleinlauf am liebsten schlafen, essen und weinen gleichzeitig wollte. Die Gegend um den geheimnisvollen Untersberg ist ein Traum. Christian und sein Team haben das Treffen zudem richtig liebevoll organisiert. Mittlerweile steht bereits der Termin für 2020, der auch schon in meinem Kalender verankert ist. Ob wir dann wieder den Berg umgehen oder etwas alpiner werden, steht noch nicht fest. Sicher ist, dass es ein Wiedersehen in Österreich gibt.

Bei der Siegerehrung am nächsten Tag schien die Sonne aus allen Knopflöchern… Gemein, oder?

4 Responses

  1. Christian Rabenberger

    Danke für deine tolle Beschreibung und das Lob an uns für unser erstes Dogtrekkingtreffen.
    Es freut uns, dass es so gut gefallen hat und wir freuen uns schon auf ein Wiedersehen 2020.
    Ihr schafft sicher auch den alpinen Hike problemlos, da habt ihr dann den Bergblick auf die 2019er Strecke.
    Wir hätte die Sonne reserviert für 2020, schauen wir ob sie kommt 🙂

    Ganz liebe Grüße aus Salzburg und bis bald wieder am Untersberg, Christian

    • dieausdemharz

      Vielen Dank, lieber Christian!
      Bei den tollen Streckenoptionen fällt die Auswahl wirklich sehr schwer. 🙂
      Auf jeden Fall freuen wir uns schon und nächstes Mal dann auch mit Barney.
      Viele liebe Grüße aus dem Harzer Vorland,
      Maddie

  2. Anita und Claudia

    Huhu Maddie,
    das ist eine wirklich lebendige Beschreibung eurer Wanderung… eine echt klasse Strecke.
    Übrigens kenne ich das mit den letzten Kilometern auch sehr gut – die kommen mir auch immer vor wie 20…
    Ihr könnt stolz sein auf eure Leistung.
    Liebe Grüße
    Claudia

    • dieausdemharz

      Liebe Claudia,
      vielen Dank für dein Feedback! Da freu’ ich mich!
      Oh ja, die letzten Kilometer ziehen sich wirklich extrem… Irgendwann möchte man dann nur noch ankommen und freut sich extrem aufs Abendbierchen oder was Leckeres zu essen.
      Herzliche Grüße zu euch,
      Maddie

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